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Wie das Mountainbiken auf die Volksseele wirkt: „Das ist legales Doping von innen!“

Einfach mal den Kopf frei kriegen? Für so manch gestresstes Gemüt macht es umgehend „Klick“, sobald die Sitzknochen auf dem Sattel geparkt und die ersten Kurbelumdrehungen geschafft sind. Die European Mental Health Week (13. bis 19. Mai) steht 2024 unter dem Motto: „Better Together: Co-Creating the Future of Mental Health“ – welchen Beitrag hier das Mountainbiken leisten kann? Michael Vielhaber hat für MTB Traunsee beim Gesundheits- und Sportpsychologen Wolfgang Schweiger in Bad Ischl nachgefragt.


Wolfgang Schweiger betreibt eine Praxis in Bad Ischl, den Arbeitsweg bewältigt er so oft als möglich mit dem E-Bike.

Michael: Das Fahrrad ist schon im Kindesalter der Türöffner zur Mobilität. Was bedeutet das für einen jungen Menschen?


Wolfgang: Es ist ein Stück Freiheit. Im Inneren Salzkammergut umso mehr, weil die öffentlichen Verkehrsmittel nicht ausreichend ausgebaut sind. Mit einem Fahrrad oder einem E-Bike erhöht sich der Aktionsradius immens. Da verbinden sich sich zwei Faktoren – einerseits der Mobilitätsgedanke um von A nach B zu kommen und gleichzeitig bewegt man sich. Das muss gefördert werden. Der Konnex zum Sport und zur Freude ist großartig. Ich habe seit drei Jahren ein E-Bike, damit radle ich morgens gemütlich im Turbo-Modus zur Arbeit und am Nachmittag schmeiße ich mich ins Sportgewand, dann fahre ich über irgendeinen Berg heim. Und die jungen Leute sind genau für solche Dinge aufgeschlossen.


Ein Thema, das gelegentlich in den Medien aufblitzt, ist die Frage, wie es Kindern und Jugendlichen nach Corona geht.


Mittlerweile zunehmend besser. Ich merke in der Praxis, dass sich ein Großteil der jungen Leute von dieser schwierigen Phase gut erholt haben. Es gab auch vor Corona schon eine kritische Gruppe, die schon damals verletztlich war – für die war das Ganze ein massiver Einschnitt. Wenn man daran denkt, wie viel organisiertes Sport- und Vereinsangebot da weggefallen ist, das war eine dramatische Zeit. Die sozialen Erlebnisse mit Gleichaltrigen sind so wichtig. Ich habe das Gefühl, dass viele wieder in ihren alten Lebensrhythmus zurückgefunden haben.


Welche Wirkung haben Naturerlebnisse in jungen Jahren auf die Befindlichkeit und Entwicklung?


Natur ist immer ein positiver Einfluss auf das psychische Erleben, weil damit etwa Achtsamkeit geschult wird. Man setzt sich bewusst mit der Umgebung auseinander, gleichzeitig ist sind die Reize reduziert. Das führt zu einem erhöhten Selbstbewusstsein – das ist etwa der Grund dafür, warum Bogenschießen so boomt. Unser Hirn will positive Gefühle immer wieder aufrufen. Die gute Nachricht ist, dass wir keinen Leistungssport brauchen, in vernünftigem Ausmaß im Alltag erreicht man das genauso. Das macht uns Freude.


Diese Woche steht im Zeichen der European Mental Health Week. Welchen Beitrag kann also das Mountainbiken diesbezüglich leisten?


Für mich ist das kein saisonales, sondern ein durchgängiges Thema. Körper und Psyche sind untrennbar miteinander verbunden und beeinflussen sich wechselseitig total stark. Wir können mit körperlicher Betätigung unser psychisches Wohlbefinden unterstützen und verbessern. Leistungssport ist natürlich eine ganz andere Thematik. Kinder, Jugendliche und Profisport sind in Kombination ein ganz schwieriges Thema, ich sehe das sehr kritisch. Jedes traurige Einzelschicksal wegen falscher Hoffnungen, die in Nachwuchsakademien geschürt werden, ist eines zu viel. Kinder sollen viel ausprobieren und die Chance bekommen, sich zu finden. Es braucht einen positiven Konnex zum Sport, dann kommt die Lust an der Bewegung von allein. Dann werden sie immer danach suchen, weil sie wissen, dass sie mit Bewegung die Psyche regulieren. Wenn du schlechte Laune hast und weißt, dass dich dich eine kurze Radfahrt nach Hause wieder herrichtet, dann ist das ein wichtiges Werkzeug.


Beim Biken ist es egal, wie gut man fährt. Warum stellt sich der vielzitierte Flow-Zustand früher oder später immer ein?


Es kommt eigentlich nicht darauf an, wie gut man trainiert ist. Diesen Zustand erreicht man immer dann, wenn die Anforderung der Situation und die eigenen Fähigkeiten in der Situation ausgewogen sind. Also was kann ich und schaffe ich auf der einen Seite und wie schwierig ist die

Aufgabe auf der anderen. Ist diese zu leicht, fadisieren wir uns. Ist sie zu schwer, haben wir Angst. Dazwischen liegt dieser Flow-Zustand. Dann tauchst du in dieses Ereignis total ein, die Wahrnehmung von Zeit und Realität total verschwimmt. Der Flow erfüllt wie der Schlaf eine ganz wichtige Reinigungsfunktion in unserem Gehirn. Gleichzeitig wird Adrenalin ausgeschüttet, wodurch sich die Leistungsfähigkeit erhöht. Ein Sportler ist nicht dann gut, wenn er sich maximal anstrengt und erschöpft ist, sondern wenn er sich im Flow befindet und einen zusätzlichen Boost bekommt. Das ist legales Doping von innen!


Daniela Rebholz, die Mentaltrainerin von Andreas Kolb hat mir vor zwei Tagen erklärt, dass sich Downhill, also die Formel 1 des Mountainbike-Sports zu 80 Prozent im Kopf der Athleten abspielt.


Das ist bei dieser schnellen und reaktionsfreudigen Sportart genau der Punkt. Das geht nur im Flow-Zustand. Wenn du da anfängst, jeden Sprung und jede Kurve zu beurteilen, dann geht sich das nicht aus. Man muss diese Sicherheit haben, sich da jetzt runterzuhauen und darauf vertrauen zu können, in jeder Situation das Richtige zu tun.


Insofern ist es mir unbegreiflich, warum Downhill-Weltmeister Max Schuster mit 66 Jahren noch immer halsbrecherische Strecken wie jene am Feuerkogel bevorzugt. Er ist eine absolute Ausnahmeerscheinung, aber wie geht es da dem Großteil seiner Altersgenossen?


Für dieses ist es mit dem Flow-Zustand nicht anders. Da genügt es aber vielleicht, wenn sie oder er mit 20 km/h auf dem E-Bike um den Wolfgangsee radelt. Alles, was den Körper stärkt, bringt uns gut ins Alter. Radfahren kann man uneingeschränkt als Bewegungsangebot empfehlen. Man kann die Belastung selbst steuern und es ist gelenkschonend im Vergleich zu anderen Sportarten. – wenn man Radfahren kann, da fordere ich durchaus eine Grundschulung, wenn jemand lebenslang keinen Bezug zum Radfahren hatte und dann plötzlich mit 25 km/h am E-Bike unterwegs ist. (Anm. der ÖAMTC bietet aktuell für seine Mitglieder kostenlose E-Bike-Kurse an, sonst gibt’s beim Land OÖ den E-Bike-Bonus)


Auch bei den Senioren gilt: Radfahren wäre so wichtig, weil es ähnlich wie bei Kindern und Jugendlichen den Aktionsradius erweitert. Dazu ist das ein gutes körperliches Training, um fit zu bleiben oder zu werden.


Apropos unterwegs sein: Wer ein Mountainbike hat, der will es auch bewegen. Nur ist das in der Region eben mangels attraktivem Streckenangebot schwierig, da geht es euch in Ischl nicht anders als uns am Traunsee. Kannst du aus fachlicher Sicht erklären, warum es im Wald oder am Berg manchmal zu Konflikten kommt?


Der Hauptgrund ist, dass die Bedürfnisse so weit auseinanderliegen. Im Straßenverkehr wollen die meisten Teilnehmer möglichst schnell von A nach B zu kommen, der Rennradfahrer aber im gleichbleibenden Pulsbereich seine Kilometer abspulen. Alles, was seinen Flow beeinträchtigt, ist Störung. Unterschiedliche Ansprüche, das führt zu Frustration auf beiden Seiten. Toleranz und klare Regeln sind entscheidend, in anderen Ländern funktioniert das ja auch. Diese kulturelle Prägung fehlt hierzulande leider und das sieht man auch am Berg. Die Wanderer haben seit Jahrzehnten den Besitzanspruch am Berg – gut, dass sich da jetzt auf höchster politischer Ebene etwas tut mit der nationalen Mountainbike-Strategie.


Vielen Dank für deine Zeit!



Ergänzend zu diesem Gespräch sei an dieser Stelle auf die aktuelle Ö3-Jugendstudie hingewiesen. Rund 30.000 Teilnehmer:innen geben darin aufschlussreiche Einblicke, wie die junge Generation des Landes ihr Leben und die Welt sieht. Mehr dazu hier!

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